Melanie SuchyCooking Catastrophe2012

tanz magazin

Hier ein Rütteln, da ein Flämmchen, dort ein Schwall Flüssigkeit von oben – und alles ist überschwemmt. Die Welt geht unter. Etwas verkokelt, zerbricht, wird unterspült. Für den partiellen Weltuntergang gibt es viele Ansätze und Methoden, und allen sieht man in diesem Fall gleich gern zu. Eva Meyer-Keller, Sybille Müller und ihr Team tischen buchstäblich Katastrophen auf. Bei der performativen Installation der beiden Tanz- und Medienkünstlerinnen aus Berlin sitzen die Zuschauer um mehrere Tische herum, Bestecke und Servietten fehlen (noch). Cooking Catastrophes werden im gekachelten Foyer von PACT Zollverein in Essen angerichtet, wo die deutsche Erstaufführung stattfindet. An zwei gefliesten Wänden klebt eine beachtliche Kollektion gleichgroßer Fotos, beschriftet und in Blöcken angeordnet, säuberlich nach Katastrophenarten sortiert: hier natürliches, dort menschengemachtes Unglück. Man erkennt sie alle wieder: die Bilder aus New Orleans, New York, Japan, so kleinformatig, dass man lange hinstarren muss, um noch mal den Schrecken bestimmter Katastrophen zu erahnen oder sich an die Nachrichten zu erinnern. Mit dieser Distanzierung arbeitet die Performance. Natürlich hat sie einen kritischen Unterton. Wenn auch einen sehr leisen. Die Kochkatastrophen sind also keine angebrannten Suppen, versalzene Gemüse oder zusammengefallene Soufflés, sondern sie stellen das Unglück aus gekochten Nahrungsmitteln nach. Eine einfache Idee, deshalb funktioniert sie gut. Zwei Türmchen aus Toastbrot werden von einem Keksflugzeug attackiert, das an einem Faden schwingt. Eine Straße aus dunklem Gelee wird ausgelegt, dann mit einem Mittelstreifen und einem Buschrand aus Himbeeren verziert – schon rollt das Beben an. Alles zerbricht. Eine dicke Schicht Eis, an einem Plastikberg klebend, wird per Föhn angeblasen, schmilzt und ergießt sich schokoschmutzig ins Tal auf ein paar winzige Häuser zu. Nein, hier geht es nicht um die Ursachen von Klimawandel und verkannte Gefahren, sondern um das Bild, das man sich davon macht, um die falsche Fassbarkeit oder Verdaulichkeit, mit der uns das Unglück nach Hause geliefert wird. Menschen und andere Lebewesen kommen in Cooking Catastrophes nicht vor. Eher streift die gewollte Harmlosigkeit schon die Grenze zur Putzigkeit. An einem Tisch nach dem anderen werden die Aktionen von den Köchen aufgeführt; eine Performerin hält die Kamera drauf, die Katastrophe wird an eine Foyerwand projiziert. So hat jeder einen Blick darauf, genau vor sich auf dem Tisch, beim Nachbarn oder eben fernsehend. Allerdings erzeugt die bühnenmäßige Abdunkelung des Raums auch Erwartungen ans Timing, die von der Langsamkeit und Umständlichkeit der Performance samt den unnötigen, quizmäßigen Texteinlagen ein wenig enttäuscht werden. Am Schluss wird endlich Besteck verteilt, und die Zuschauer löffeln gemeinsam den Schlamassel aus: die leckere Miso- Suppe (Überschwemmung), das zarte Milcheis (Gletscherschmelze), den knackigen Salatdschungel (Brandrodung), dessen schwarze Flecken keine Asche, sondern Balsamico-Tröpfchen sind. Köstlich.